Cybertango Tango Buchbesprechung:
Tango - Geschichte und Geschichten
von Arne Brikenstock und Helena Rüegg

Tangobücher


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Tango - Geschichte und Geschichten

Author: Arne Brikenstock und Helena Rüegg

Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv), München
ISBN: 3-423-24182-9

"Nur" eine weitere "Geschichte des Tango" - meine ersten Gedanken, als ich dieses Buch bekam. Nach dem Tief der 60er und 70er Jahre und der langsamen Renaissance der 80er ist der Tango wieder so populär, daß neuerdings die Bücher zu dem Thema wie Pilze aus dem Boden zu sprießen scheinen. Gab bis vor einigen Jahren weniger als eine Hand voll Bücher über den Tango in deutscher Sprache, so sind allein dieses Jahr mehrere deutschsprachige Bücher erschienen. Wozu also noch eine Geschichte des Tango?
Doch schon beim Durchblättern hatte ich mich, ohne es wirklich zu bemerken, begeistert mitten im Buch festgelesen. Als DJ drängte es mich natürlich, mit der Beschreibung der Tangoorchester beginnen - was dank der übersichtlichen Gliederung des Buches auch kein Problem darstellte.
Die gut recherchierten Hintergrundinformationen zu den wichtigsten Musikern der neuen Garde beeindruckten mich, dargestellt in einem fließenden und gut lesbaren Stil, ohne dabei seicht zu werden und - wie erfrischend - ohne das häufig anzutreffende Pathos. Keine Heldenverehrung, keine Beschwörung des heiligen Geistes des Tango. Die Autoren erschaffen ein lebendiges Bild der Zeit, in das die Entwicklung und die Besonderheiten der einzelnen Musiker und Orchester eingebettet werden. Bewegungen und Strömungen der Musik werden an Personen fest gemacht und stehen nicht einfach im Raum. Immer wieder sind kurze Zitate von Zeitzeugen in den Text eingebettet, gelegentlich auch nette Anekdoten. Irgendwann muß ich das Kapitel noch einmal in Ruhe lesen, möglichst in der Nähe meiner CD Sammlung, um die vielen Interessanten Details zum Stil der Orchester selber nachzuvollziehen. Doch zurück zum Überblick: Aufgebaut ist dieses Buch chronologisch, von der Zeit der Entstehung bis heute, aufgeteilt in drei Perioden:
  • Von den Anfängen bis zur Guardia Vieja (1880-1917)
  • Von der Guardia Nueva bis zum Ende der goldenen Ära (1917-1955)
  • Vom Tango Nuevo bis zur Gegenwart (1955-2000)
Die Unterkapitel behandeln einzelne Aspekte des Tango und dessen Entwicklung, die in der jeweiligen Ära besonders von Bedeutung waren.

Im ersten Abschnitt werden besonders die vielbemühten Klischees der Anfangszeit näher beleuchtet - und dabei vieles ins rechte Licht gerückt oder zumindest gängige Vorstellungen in Frage gestellt. Jeder, der schon einmal ein Buch über die Entstehung des Tango in der Hand hatte, kennt die stereotypen Geschichten über Bordelle und Ganoven, die den Tango zu Beginn bestimmt haben sollen. "Das Klischee vom verruchten Tango, der dem Bordell entsprungen ist, wird von vielen europäischen Tangueros bis heute gepflegt, weil es den Exotik-Faktor ihrer Aktivitäten erhöht." Die Schriftsteller der damaligen Zeit gehörten meist der Mittel- und Oberschicht an und hinterließen eine sehr einseitige Sicht des Tango. Um Verhältnisse der damaligen Zeit auch von einer anderen Seite zu beleuchten, der Seite des Tango selber, werden Tangotexte der Zeit zitiert (im Original und in deutscher Übersetzung). Dabei habe ich endlich viele der Texte richtig verstanden, denn selbst die übersetzten Texte kann man nur ansatzweise verstehen, wenn man nichts über die Zeit und die Gesellschaft weiß, auf die sie sich beziehen. Die Autoren zeichnen hier ein komplexes Bild der Stadt Buenos Aires, beleuchten die Lebensumstände der einheimischen "Kreolen" und der Einwanderer, und wie aus Feindseligkeit und Abgrenzung sich langsam eine neue Gesellschaft bildet.
Den auch oft in Tangotexten auftauchenden "Typen" der Zeit sind eigene Kapitel gewidmet:
- Die Milonguita, die eingewanderte oder eingeschleppte Hure
- Der eingewanderte Italiener, der Cocoliche
- der Compadrito, Gaucho ohne Pferd
Natürlich darf auch ein Kapitel über die Geschichte des Bandoneon nicht fehlen, des Instruments, das mit dem Tango untrennbar verbunden scheint - und wohl auch mit der Autorin Helena Rüegg, selber ausgebildeten Bandoneonistin.
Auch in den anderen Abschnitten des Buches gibt es schöne Geschichten und Fakten zu vielen Facetten des Tango, zu einzeneln wichtigen Personen wie Descépolo und Piazzolla, wie zu Gruppen und Strömungen im Tango.
Am Ende des letzten Kapitels kommen drei Tanzpaare der heutigen Zeit zu Wort: Claudio & Pilar aus Buenos Aires, die Elemente des modernen Tanzens mit den traditionellen Tangoschritten zu verbinden suchen, "Los Alemanes" Rainer & Angelika aus Hamburg, die ihren Eindruck der deutschen Tangolandschaft wiedergeben, und die Emigranten Ricardo & Nicole, die aus den Niederlanden bzw. Deutschland nach Buenos Aires ausgewandert sind, um von und mit dem Tango zu leben.
Alle beschreiben sie ihren eigenen Weg zum Tanz und ihre Sicht der Entwicklung ihrer Passion: des Tango!

Im Anhang gibt es einen ungewöhnlich ausführlichen Service Teil mit einer (vollständigen?) Übersicht der deutschsprachigen Tangoliteratur und Beschreibungen vieler argentinischer Tangobücher, aus denen sicher viele der Zitate und Geschichten stammen, die das ganze Buch durchziehen. Unerwartet und sehr erfreulich ist die 12-seitige Liste von CD-Empfehlungen, die von Gardel über Toilo zu Piazzolla einen Bogen über die Tangoentwicklung spannen. Auch neue und ungewöhnliche Aufnahmen finden Erwähnung, wie vom Klarinettisten Giora Feidman oder dem Cello-Virtuosen Yo Yo Ma. Zum Schluß folgt eine lange und (noch) aktuelle Liste mit Adressen rund um den Tango: Tanzschulen, Milongas, CD-Läden, sogar die Adresse meiner Cyber-Tango Webseiten ist zu finden - sehr zu meiner Freude natürlich.

Mit dem Buch zusammen erhält man auch eine CD mit vielen Klassikern des Tango, eine schöne Zusamenstellung von Helena Rüegg, produziert von Danza y Movimiento in Hamburg.
Gardel, Pugliese, Troilo, de Caro - die großen Interpreten der Musik spielen sowohl ihre eigenen Kompositionen als auch die berühmten Tangos von Filiberto, Descépolo und Co..
Meine Empfehlung: die CD auflegen, vielleicht einen argentinischen Rotwein aufmachen, und im Buch schmökern.
Viel Vergnügen dabei.

Garrit Fleischmann

Diese Buchbesprechung erschien in der zweiten Ausgabe der deutschen Tangozeitschift Tangodanza, Dezember 1999



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© Garrit Fleischmann Februar 2000